Die schwarze Perlhaube

 

Nachdem ich eine Eisenstraßen-Brautkrone zur Eisenstraßen-Festtagstracht designt und gebaut hatte und diese im Ybbsitzer Museum „FerRUM- Welt des Eisens“ als Leihgabe zusammen mit einer ebenfalls von mir designten und gebauten goldenen Flitterkrone untergebracht hatte, beschäftigte ich mich mit den „schwarzen Grafen und Gräfinnen“ der Eisenstraße. Hier faszinierten mich besonders die Kopfbedeckungen der Frauen. Während die Frauen der Hammerwerk-Besitzer oft wertvollere, goldene Hauben zu festlichen Anlässen/ hohen Kirchtagen trugen, haben die weniger gut situierten Frauen, die ihre Haare ebenfalls bedecken wollten, oder sollten, schwarze Perlhauben oder Florhauben getragen, da das Material hierfür wesentlich kostengünstiger war.

 

Ich kann mich erinnern, als ich ein Kind war, hat meine Oma schwarze Dirndlkleider genäht. Sie hat gern Schwarz getragen und für mich war das immer eine edle Farbe, etwas Besonderes, Nobles. Auf alten Bildern des Mostviertels sieht man viele Frauen in den langärmeligen, schwarzen Kleidern mit Stehkragen und schwarzen Kopftüchern und sie gaben den Frauen Würde, wirkten sehr kraftvoll auf mich. Auch ich trage mein Leben lang schon am liebsten Schwarz und fühle mich wohl darin.

 

Als ich erfuhr, dass Birgit Aigner, die Gründerin der „Werkgruppe Klosterarbeiten“ in Oberösterreich einen Goldhauben-Stickkurs in Krenglbach geben würde, habe ich mich sofort angemeldet. Immerhin habe ich sieben Jahre lang ganz in der Nähe dort gewohnt und kannte die Strecke gut. Ich wollte nun unbedingt eine schwarze Perlhaube machen. Als ich einer lieben Bekannten davon erzählte, meinte sie, sie wollte schon immer so eine Perlhaube besitzen und so kam es, dass ich vorschlug, ihr die Haube gegen Materialkosten und Kursbeitrag zu geben. Die Arbeitszeit wollte ich nicht verrechnen, da ich ja vom Kurs profitierte und mir so die Ausbildung und die Kosten ersetzt würden.

 

Meine Mama lieh mir für jeden Kurstag ihr Auto und so stand dem Kurs nichts mehr im Wege.

 

1624 Kilometer habe ich insgesamt dafür zurückgelegt, 100 Stunden habe ich an der Haube gearbeitet, und mehrere hundert Euro hat es gekostet. Stoff zuschneiden, umnähen, mit Borte händisch besticken, in den Stickrahmen einspannen- alleine dafür gingen schon viele Stunden drauf, denn gerade die ersten Arbeitsschritte sind besonders wichtig für das Gelingen der Haube.

Birgit hat uns Kursteilnehmern geduldig zur Seite gestanden, immer wieder Fragen beantwortet, Arbeitsschritte kontrolliert, Tipps gegeben und geholfen wo sie nur konnte. Es war eine sehr angenehme, ruhige, freundliche Damen- Runde, gestickt wurden goldene Mädchenbänder und Perlhauben.

 

Das Sticken der Pailletten und Perlen war für mich das erste Mal und nach einer kurzen Einführung konnte ich zu Hause bis zum nächsten Kurstag arbeiten und das 116 cm lange Perlband besticken. Jeden Tag saß ich einige Stunden in meiner Werkstatt und habe Stiftperlen, Pailletten und Granatperlen auf den Stoff gestickt.  

 

Im zweiten Schritt bekamen wir bereits Schablonen und Stoff für die Herstellung des Knaufs und auch hier galt es, den Stoff flächendeckend zu besticken. Ich habe mir dafür einfachere Muster ausgesucht, da ich keine Erfahrung hatte, so wurde es ein Blatt für die Vorderseite, eine Spirale für den oberen Teil und zwei „Urknalle“ für die Seitenteile.

 

Der dritte Teil des Kurses rückte näher und ich beeilte mich, das Perlband und die Stickerei für den Knauf fertig zu bekommen, denn als nächstes sollte der Knauf in Form gebracht, genäht und mit Knochenleim gehärtet werden. Etwa 80 Arbeitsstunden sind nun vergangen.

 

Auch das Innenfutter wurde jetzt zugeschnitten und mit einem Samtband händisch benäht, dieses Band verhindert, dass Schweiß auf die Haube kommt. Für eine Kordel musste der Tunnel genäht werden und als Hausaufgabe benähten wir einen Draht mit breiter Borte, die zu einer Schlaufe gebogen wurde.

Nun hieß es warten, bis alle Knäufe mit Knochenleim gehärtet waren und alle bereit waren für den letzten Kurstag, bei dem die Haube so gut wie fertiggestellt wurde.

 

Wir bekamen das Drahtgerüst, auf das die Haube aufgenäht wird, zuerst die untere Seite, dann die geraffte obere Seite, die Falte für Falte am Drahtgerüst festgenäht wurde. Die größte Hürde war für mich das Befestigen des Knaufs an der Haube. Mit einer Rundnadel stocherte ich blind durch die Innenseite des Knaufs, der, gehärtet vom Knochenleim undurchdringlich schien. Nach viel Fluchen, Nadel verlieren, in die Finger stechen und einmal auftrennen, gelang es mir schließlich doch, ihn mittig und gut sitzend festzunähen.

Dass mir dabei nicht der Geduldsfaden gerissen ist, verdanke ich den netten Kursteilnehmerinnen und Birgit, die immer wieder Mut gemacht haben und mit viel Humor für gute Laune gesorgt haben.

 

Nach dem letzten Kurstag konnte ich die Haube zur endgültigen Fertigstellung mit nach Hause nehmen und habe noch das Innenfutter händisch angenäht, die Schleife festgebunden, hinten etwas zusammengenäht, den Knauf fertig festgenäht und schließlich war ich stolze Besitzerin einer selbst angefertigten Perlhaube, die ich nun in wenigen Tagen an eine junge Dame weitergeben werde, die sich schon sehr drauf freut.

 

Es war ein Abenteuer, ein Eintauchen in alte Zeiten, in Kultur, Brauchtum, Geschichte und Handwerk. So eine handgemachte Kopfbedeckung letztendlich in der Hand halten zu dürfen, ist wirklich etwas ganz Besonderes, das man erst dann richtig zu schätzen weiß, wenn man es einmal selber gemacht hat. Ich bewundere all die Frauen, die diese kostbaren Hauben in Gold oder Schwarz für ihre Kinder, oder Enkelkinder angefertigt haben und heute noch anfertigen.

 

Ein großes Dankeschön an Birgit Aigner aus Krenglbach! Und wer jetzt Lust bekommen hat, seine eigene Goldhaube oder Perlhaube zu fertigen, kann sich hier umsehen:

 

WERKGRUPPE KLOSTERARBEITEN